Meine Liebe zu Wörtern und Sprichwörtern, Sprache und Sprachwitz haben mich dazu bewegt den Beruf einer Stadtführerin, Rednerin und Moderatorin zu ergreifen. Worte sind für mich ein Lebenselixier und ich staune immer wieder über deren Macht. Mein Berufsleben ist durch die Vielfältigkeit der Aufgaben eine emotionale Achterbahn, da ich in Ausnahmesituation ganz nah an den Menschen bin. 

Lachen und Weinen, Sprüche klopfen und Menschen auffangen, genau das möchte ich mit euch teilen und mir meine Erlebnisse von der Seele schreiben.

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  • Gaby Fischer

Daniels letzte Party - Fuck Cancer

Aktualisiert: 15. Dez 2017


Es ist Weihnachten, das Fest der Liebe!

Um mich rum drehen alle Menschen durch: Geschenke und Baum kaufen, Weihnachtsfeiern, Theatervorführungen, Konzerte, Weihnachtsmärkte und "fröhöliche" Weihnacht überall...


Ich möchte dir daher eine Geschichte schenken. Damit sich deine Welt wieder relativiert….

Seit 2 ½ Jahren arbeite ich nun als freie Trauerrednerin. Manche Aufträge bekomme ich souverän und mit Distanz hin. Anders bei meinem letzten Fall, der mir unter die Haut ging und mich bis heute nicht loslässt. Daniel, 33 Jahre.


Es war im Sommer, als mich Cordula, die Mama von Daniel anrief und mir erzählte, dass ihr Sohn bald stirbt und dass sie sich vorstellen kann, dass ich seine Trauerrede halte. Puh…. Ich war innerlich total zerrissen. Auf der einen Seite ist es genau das, was ich predige: beschäftigt euch mit eurer Beerdigung schon zu Lebzeiten, denkt darüber nach, zu welchem Bestatter ihr geht, wo euer Grab ist etc.

Ich meine, bei jedem Lebensabschnitt hast Du eine umfassende Vorbereitung. Bei der Hochzeit gehen die Vorbereitungen fast ein Jahr vorher mindestens los. Oder wenn du ein Kind bekommst, schaust du dir ja auch die Kreissäle an.

Nur für den letzten Abschnitt ist fast niemand vorbereitet.

Weil du das ja verdrängen magst. Aber wir sterben halt alle mal. Was ich damit sagen möchte ist, dass die Mama von Daniel das in meinen Augen super gemacht hat, dass sie sich vorher kümmert.

Nur ich war überfordert. Wollte der Daniel überhaupt, dass seine Mutter für ihn die Trauerfeier organisiert, wenn er noch lebt? Also ich hab halt auch verdrängt und hab dann einfach versucht, nicht darüber nachzudenken. Nach ein paar Wochen wurde ich eingeladen ins Haus der Familie, Daniel war da schon im Hospiz. Ich war sofort beeindruck von Cordula’s Stärke. Wahnsinn, was diese Familie mitgemacht hat.




Mir haben die Worte gefehlt, ich wusste nicht, was ich sagen soll. Wenn man das Liebste, was man hat, jahrelang begleitet zu Operationen, ihn leiden sieht, weiß, dass er in jungen Jahren stirbt, da hat es mir fast das Herz zerrissen und ich kann mir gut vorstellen, dass dir das auch so geht.


Nach dem Gespräch mit Daniels Mutter hatte ich zwar jetzt eine Idee, wie die Trauerfeier aussehen soll, aber immer noch keinen Kontakt zu Daniel. Irgendwie kam ich mir auch wie ein Schuft vor, dass ich quasi hinter seinem Rücken seine Trauerrede vorbereite und er liegt im Hospiz.


Dann schrieb er mich an, ob ich ihn besuchen möchte, er möchte mit mir über seine „letzte Party“ sprechen.

Das nahm mir buchstäblich den Atem. Was für ein Mut hat dieser junge Mann?

Und auch über meine Rolle hab ich nachgedacht. Wenn Daniel mich quasi das übernächste Mal sieht, ist er schon gestorben. Wie bitter ist das.


Die Woche vor dem Besuch war ich recht unruhig, weil ich noch nie in einem Hospiz war. Was erwartet mich da? Siechtum, Leiden? Bei der Hinfahrt schoss mir durch den Kopf: eigentlich sterben wir ja alle. Wer sagt denn, dass ich länger lebe wie Daniel?

Dann kam ich an und ich war überrascht. Von der Helligkeit, von der Freundlichkeit der Mitarbeiterinnen, von der heiteren Stimmung. Ein Ausblick, der mich als Gästeführerin gleich begeistert hat: auf Ulm und sein schönes Münster. Natürlich haben die Mitarbeiterinnen mich als erstes gefragt, ob Daniel eine Erlebnisführung bei mir gebucht hat. Nein, das hatte er leider nicht.


Daniel hatte verschlafen, aber das war mir gerade recht. So konnte ich einfach in Ruhe die Atmosphäre wahrnehmen. Und dann kam er. Unter seinem Arm ein Notebook, mit dem er sich verständigt hat, weil er nicht mehr reden konnte. Was ich sah, hat mich wirklich umgehauen. Ich sah nicht seinen kranken Körper, sondern wurde buchstäblich in seinen Bann gezogen. Von seiner Ausstrahlung, von seinem Charisma und seiner Energie.


Ich spürte seine Kraft, seine Aura und seinen Geist. Es war einer meiner bewegtesten Augenblicke.

Auch seine frisch gebackene Frau war da. Sie hatten sich 2 Tage vorher im Hospiz trauen lassen. Am 12.10. ,das war auch mal mein Hochzeitstag.



Was soll ich sagen….. ich war so sehr beeindruckt von Daniels Persönlichkeit, gleichzeitig so sehr traurig und niedergeschlagen wegen seiner Krankheit und auch, dass es klar war, dass er bald sterben würde.


Dieses Treffen hat mich stark beeindruckt, aber auch ein wenig aus meiner Umlaufbahn geworfen. Viele Dinge, die ich dann erlebte, kamen wir so unwichtig vor. Wie ein Farce.


Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an Daniel und seine unglaublich starke Familie dachte.

Wie mir erzählt wurde, ging es Daniel nach meinem Besuch dann zunehmend schlechter und nur 4 Wochen später ist er dann gestorben.



Als ich die Nachricht bekam, dass Daniel gestorben ist, sind mir die Tränen heruntergelaufen. Sie laufen auch jetzt gerade, während ich schreibe. Auf der einen Seite gut, dass er nicht mehr leiden muss. Aber warum stirbt ein so junger Mensch und warum muss er zwei Drittel seiner Lebenszeit leiden. Das machte mich unglaublich traurig.


Seine letzte Party wurde von Daniel selber organisiert.





Da die ganze Familie im Kino arbeitete und Daniel ein großer Kinofan war, fand die Trauerfeier dann im Obscura statt. Es war der Hammer! Überall Plakate und Fotos von Daniel. Auf den Kinositzen vorbereitete Tüten mit Gummibären. Ein Buffet, wie man es irgendwie nur auf runden Geburtstagen erwartet. Kaffee, Bier, Wein, Schnaps. Alles da. Und das Kino war bis auf wenige Plätze belegt.



Ich war der erste Programmpunkt mit meiner Rede und hielt durch bis zum letzten Satz, dann brach meine Stimme.

kleiner Auszug aus meiner Rede:

(...Können wir nicht mal diesen Gedanken zulassen, dass Daniel nur auf der anderen Seite des Weges ist? Wie wenn man mit einen Brief schreiben würde und diesen an ein Smartphone schickt. Das geht nicht, weil es andere Form ist und die Wellenlänge nicht stimmt, aber die Gedanken dürfen und können sein. Warum soll Daniel nicht mehr in unseren Gedanken sein, nur weil er nicht mehr in unserem Blickfeld ist?...

...Selina, seine kleine Schwester, die sich nahestanden und geschätzt haben. Außer in der Pubertät. Er konnte da schon auch ein Arsch sein. Aber danach war er soo stolz auf seine kleine Schwester. Hat sie überall mit hingeschleppt, hat sie beschützt, hat viel Unsinn mit ihr gemacht....auch mit einer Message von Daniel. Er möchte, dass sich ein jeder seiner Verantwortung für sich bewusst ist. Dass ein jeder seinen gesunden Körper schätzt und sorgsam damit umgeht...Daniels Wunsch entsprechend finden wir heute hier Organspendeausweise und auch die Bitte, den Spendentop zu befüllen. Spenden möchte er der Nachsorgeklinik in Tannheim und dem Hospiz in Ulm, wo er sich gut aufgehoben gefühlt hat...Und so schließe ich mit dem Spruch von Theador Fontane: Das Schönste, das ein Mensch hinterlassen kann ist, dass man lächelt, wenn man sich seiner erinnert!...)


Danach kamen noch Briefe von Daniel, eine Dia-Show, Gedanken und Gedichte von lieben Menschen. Auch seine Frau Betty las einen sehr schönen Abschiedsbrief. Ich saß zusammengekauert in meinem Sitz und weinte vor mich hin.

Als sich dann die Gäste ins Foyer begaben und auf Daniels Wunsch noch einen auf ihn trinken sollten, war die Stimmung mehr wie gedrückt. Ich bin auch bald gegangen, aber war komplett aufgelöst und fuhr zu meiner Freundin. Hab am glockenhellen Sonntagmittag erstmal 2 Schnäpse gekippt...


...und mir überlegt, was so ein Job als Trauerrednerin eigentlich ist. Es ist kein Job. Du hängst Dein Herzblut rein, es macht was mit Dir, du fühlst mit, du bist betroffen.

Als ich nach ein paar Tage die Rechnung schrieb, dachte ich, wie unreal. Ich kann keine Rechnung schreiben für die Erfahrung, für die Emotionen, für die Bereicherung, aber auch für den Schmerz. Wie soll ich das berechnen? So viel Emotionen passen in keine Excel-Tabelle. So eine Rechnung ist null aussagekräftig.

Den ganzen Sonntag war ich bedrückt. Hab mir überlegt, ob ich so einen Fall je nochmal annehme. Habe über mein Angebot „Trauerreden auch zu Lebzeiten“ nachgedacht. Es ist die eine Sache, über einen Verstorbenen möglichst uralten Menschen eine Rede zu schreiben und die andere Sache, einen jungen Menschen kennen zu lernen, der bald stirbt und hier die Rede zu schreiben. Was für ein Grenzgang.


Der Montag danach war ein besonderer Tag. Ich war so glücklich. So unglaublich glücklich und dankbar. Am Novembernebel. Dass ich die Kälte spüren darf.

Dass ich gesund bin. Dass ich selbstbestimmt leben darf. Und ein neues Gefühl hat sich breitgemacht. Das Bewusstsein, dass unser Leben endlich ist und jeden Tag vorbei sein kann. Machen wir uns nichts vor, es ist so. Und deshalb lebt! Ich lebe und atme das Leben!!! Und freu mich dran! Am liebsten würde ich laut singend durch die Straßen hüpfen und das merkt man mir auch an! Über Alltagssorgen kann ich grad nur den Kopf schütteln und mein Selbstmitleid, weil ich vielleicht weniger habe wie andere, hat sich in Luft aufgelöst….im Gegenteil. Ich bin reich.

Das Leben ist so unglaublich schön. Danke Daniel!



Für diesen Beitrag habe ich von Daniels Familie die Einwilligung bekommen, dass ich Namen, Orte und Fotos veröffentlichen darf. Vielen Dank!


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